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LONGING TO TELL

AKUA NARUS UND TYSHAWN SOREYS BLUES OPERA BEIM INTERNATIONALEN SOMMERFESTIVAL

als AKUA NARU im vergangenen jahr ihr dreimal verschobenes konzert im mojo club nachholte, saßen auch vier streicherinnen des ensemble resonanz mit auf der bühne und gaben dem sound eine besondere note. seit 2020 arbeitet die afroamerikanische künstlerin mit dem hamburger kammerorchester zusammen, den bisherigen höhepunkt erlebte das publikum jetzt beim sommerfestival auf kampnagel.

schon seit längerem beschäftigt sich AKUA NARU mit der arbeit der wissenschaftlerin TRICIA ROSE, die unter anderem als erste das hip-hop-genre in ihrer arbeit black noise untersucht hat. longing to tell heißt ein weiteres buch von ihr. darin hat sie interviews veröffentlicht, die sie mit schwarzen frauen über deren familienleben und sexualität geführt hat. AKUA NARU hat daraus eine interviewte frau ausgesucht und deren leben in der form eines librettos aufgeschrieben. die musik dafür hat der schwarze schlagzeuger TYSHAWN SOREY geschrieben, ein in jeder hinsicht schwergewichtiger mann, der 2024 mit einem pulitzer-preis für musik  geehrt worden ist. sorey hat die musik für das ensemble resonanz, eine jazzquartett und vier sänger*innen bzw. erzähler*innen geschrieben.

dreimal wurde die sogenannte blues opera longing to tell auf kampnagel aufgeführt, weitere spielorte sind köln und wien. gern würden AKUA NARU und SOREY diese musikalische performance auch in den usa zeigen, aber dafür sind die finanziellen hürden hoch.

AKUA NARU erzählt und besingt die lebensgeschichte der schönen linda rae. sie ist eine hellhäutige schwarze  frau und  kommt  aus schwierigen familiären verhältnissen. sie gerät an gewalttätige männer und später in einen strudel aus drogen und sex. AKUA wird von zwei sängerinnen und einem sänger unterstützt. sie teilen sich die mehr als 20 verschiedenen stimmen aus ihrem libretto. auf der bühne sitzen sich 15 streicher des ensemble resonanz und ein jazzquartett um TYSHAWN SOREY gegenüber, die erzähler*innen agieren dazwischen. die musiker und musikerinnen unterstreichen die dramatischen texte eindrucksvoll. oft als getragene trauermusik, denn linda rae verliert ihren ersten sohn und erlebt eine totgeburt. die drogenexzesse untermalen die beiden ensembles mit geräuschhaften sounds, die von sorey komponierte musik klingt oft bedrohlich und entspricht linda raes schwierigem leben. es ist ein tanz am abgrund.

TRICIA ROSE, die autorin von longing to tell ist extra nach hamburg gereist, um die weltpremiere dieser blues opera mitzuerleben. sie ist restlos begeistert von der performance, ebenso wie das publikum in der größten halle auf kampnagel. AKUA NARU und TYSHAWN SOREY haben es geschafft, mit musikalischen stilmitteln aus blues, gospel und neo-klassik ein spannendes werk über die schwierigkeiten schwarzen lebens in den usa zu kreieren, das immer noch geprägt ist von strukturellem rassismus, armut, gewalt und drogen als flucht vor der realität.  doch AKUA NARU entlässt ihre protagonistin nicht in die hölle. am ende entscheidet sie sich für einen drogenentzug und einen respektvollen älteren mann, der linda rae restlos unterstützt. den optimismus und die kraft, die sie schon bei ihrem mojo-konzert verströmte, ist auch ein teil von longing to tell.

HEINRICH OEHMSEN