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„CABIN IN THE SKY“ (REVIEW)

zuerst via mojo wire lesen?
put me on the list

„hast du keinen senf?!“ rapper POSDNUOS kletterte von der bühne, mit mikro in der hand, um sich eine brezel vom örtlichen verkaufsstand zu holen, als er und seine band DE LA SOUL zusammen mit WU-TANG CLAN und PUBLIC ENEMY ein konzert in der berliner wuhlheide spielte. sommer 2019. auch DJ PREMIER war da. und brezeln. aber kein senf.

eine pandemie und den tod ihres bandmitglieds DAVE „TRUGOY“ JOLICOEUR später stehen DE LA SOUL mit einem unfertigen album da, das ausgerechnet nur die hip-hop-ikonen DJ PREMIER und PETE ROCK produzieren sollten.

real NY-shit, meine güte. doch anstatt left-overs zu verwalten, entscheidet man sich, das projekt für die „legend has it…“-serie von MASS APPEAL 2025 zu öffnen und andere klassenkameraden desselben jahrgangs einzuladen: BLACK THOUGHT, COMMON, NAS, Q-TIP, SLICK RICK, KILLER MIKE, JAKE ONE u. a. – alle melden sich im intro von “cabin in the sky” zu wort. DAVE ist tot, aber hiphop lebt und die familie kommt zusammen. ein feuchter traum für 90s-rap-fans.

anfang der neunziger debütierten DE LA SOUL in einer phase des politischen ausnahmezustands [das aufkommen von gangsta-rap und des parental-advisory-stickers, aber auch den L.A.-riots]. schon damals waren DE LA ein gegenpol zur „toxic masculinity“ des straßenraps, in dem sie alltägliche schwäche zeigten, aber politik nicht ignorierten. auch wenn man das damals nicht so nannte.

„cabin in the sky“ hat ironischerweise 30 jahre später dieselbe funktion. DE LA sind alltagsmusik in der ICE-ära. call it: ruhepol-rap. oder: eine cartoon-sendung, die man im schlafanzug am samstagmorgen ansieht. kindlich, aber nicht naiv, emotional, aber nicht dramatisch, politisch, aber nicht belehrend. hier regieren smoothe soul-samples und entspannte 90-bpm-patterns. keine synthetischen experimente, kein autotune, nicht mal rock. nur der vibe. wenn pos über scheißtage auf „day in the sun [gettin’ wit u]“ [mit einem soliden Q-TIP] rappt: „mama always said there’d be days like this / but never thought it’d be so soon“, dann ist das keine kapitulation, sondern eher eine erinnerung, dass eine 4 in mathe nicht den weltuntergang bedeutet. es sind die gospelchöre, funkgitarren, mpc-loops und der nickende kopf, der hochgehalten werden will, wenn diese 70 minuten laufen. DE LA SOUL sind auf “cabin” inhaltlich wie musikalisch so nahe bei sich, dass ROY-AYERS- und IMPRESSION-flips gar nicht langweilig, sondern konsequent wirken. verlässlichkeit in these times of ungewissheit.

was auf „cabin in the sky“ aber vor allem passiert, ist ein über 60-minütiges hoch auf die freundschaft. COPPOLAS coming-of-age-drama „the outsiders“ nennt pos in einem podcast als referenz für den produktionsprozess, weil es um den tod eines engen freundes geht. der 2023 verstorbene de-la-soulist DAVE ist hier kein token für nostalgie, sondern eine narrative stütze, ja, ein echter teil des geschehens. man könnte auch sagen: DAVE hat seinen senf dazugegeben. mahlzeit. 

FIONN BIRR

DE LA SOUL vor dem „alten“ mojo.
foto: KATJA RUGE